Die Synode von Clermont
W i l h e l m v o n T y r u s,
Historia rerum in partibus transmarinis gestarum,
1, 14 ff. Nach der Übersetzung von E. und R. Kausler als
,,Geschichte der Kreuzzüge und des Königreiches Jerusalem".
Wilhelm (gest. etwa 1185) stammte aus
abendländischer Familie, studierte in Paris, lebte aber meist in
seinem Geburtsland Palästina. Er wirkte als Erzieher des Königs
Balduin IV. von Jerusalem (1173-1185), der ihn 1174 zu seinem Kanzler
erhob. Seine llistoria gilt als die klassische Darstellung der
Kreuzzüge und als eines der besten mittelalterlichen
Geschichtswerke überhaupt; der hochgebildete Verfasser konnte
noch aus früheren Quellen schöpfen. In Einzelheiten ist er
nicht immer zuverlässig, da er es nicht verschmäht, auch
Sagen als Quellen seiner Darstellung zu benützen.
Um
das Überhandnehmen von Unglauben und Sittenlosigkeit zu
bekämpfen, berief Papst Urban II. (1088-1099) auf November 1095
eine Synode nach Clermont-Ferrand in der Auvergne zusammen. Sie wurde
von ,,Bischöfen und Äbten aus allen Provinzen des Landes
jenseits der Alpen" sowie von einigen Fürsten besucht.
Nachdem man hier Verordnungen und Einrichtungen geschaffen hatte,
um der sinkenden Kirche aufzuhelfen, Zucht und Sitten wieder
aufzubauen und den Frieden, der aus der Welt verschwunden war,
wiederherzustellen, ging der Papst schließlich zu folgender
Ermahnung über und sprach:

1:
,,Ihr wißt,
geliebte Brüder, wie der Erlöser der Menschheit, als er uns
zum Heile menschliche Gestalt angenommen hatte, das Land der
Verheißung mit seiner Gegenwart verherrlichte und durch seine
vielen Wunder und durch das Erlösungswerk, das er hier
vollbrachte, noch besonders denkwürdig machte. Hat nun gleich
der Herr durch gerechtes Urteil zugegeben, daß die Heilige
Stadt wegen der Sünden ihrer Bewohner mehrmals in die Hände
ihrer Ungläubigen geriet
2, hat
er sie auch eine Zeitlang das schwere Joch der Knechtschaft tragen
lassen, so dürfen wir darum doch nicht glauben, daß er sie
verschmäht und verworfen habe. Die Wiege unseres Heils nun, das
Vaterland des Herrn, das Mutterland der Religion, hat ein gottloses
Volk in seiner Gewalt. Das gottlose Volk der Sarazenen
3 drückt
die heiligen Orte, die von den Füßen des Herrn betreten
worden sind, schon seit langer Zeit mit seiner Tyrannei und hält
die Gläubigen in Knechtschaft und Unterwerfung. Die Hunde sind
ins Heiligtum gekommen, und das Allerheiligste ist entweiht. Das
Volk, das den wahren Gott verehrt, ist erniedrigt; das auserwählte
Volk muß unwürdige Bedrückung leiden. Das königliche
Priestertum muß als Sklave Ziegel brennen; die Fürstin der
Länder, die Stadt Gottes, muß Tribut zahlen. Will einem
nicht die Seele darüber zergehen, will einem nicht darüber
das Herz zerfließen? Liebe Brüder, wer kann das mit
trockenen Augen anhören? Der Tempel des Herrn, aus dem er in
seinem Eifer die Käufer und Verkäufer hinausgetrieben hat,
damit das Haus seines Vaters nicht eine Mördergrube werde, ist
nun Sitz des Teufels geworden. Die Stadt des Königs aller
Könige, die den andern die Gesetze des unverfälschten
Glaubens gegeben hat, muß heidnischem Aberglauben dienstbar
sein. Die Kirche zur heiligen Auferstehung, die Ruhestätte des
Herrn, steht unter der Herrschaft derer, die an der Auferstehung
keinen Teil haben, sondern als Stoppeln zur Erhaltung des ewigen
höllischen Feuers werden dienen müssen. Die ehrwürdigen
Orte sind in Schafkrippen und Viehställe verwandelt. Dem
preiswürdigen Volke werden die Söhne entrissen und
gezwungen, heidnischer Unreinheit dienstbar zu werden und den Namen
des lebendigen Gottes zu verleugnen oder mit lasterhaftem Munde zu
schmähen, und wenn sie sich den gottlosen Befehlen widersetzen,
so werden sie wie das Vieh hingeschlachtet, Genossen der heiligen
Märtyrer. Den Tempelshändlern gilt jeder Ort, jede Person
gleichviel; sie morden die Priester im Heiligtum. Wehe uns, die wir
in den Jammer der gefahrvollen Zeit versunken sind, von der der
fromme König David, sie im Geiste voraussehend, klagend
gesprochen hat: ,,Gott, es sind Heiden in dein Erbe gefallen; die
haben deinen heiligen Tempel verunreinigt. Herr, wie lange wirst du
zürnen und deinen Eifer wie Feuer brennen lassen?" . . .4
,,Wehe uns, daß wir dazu geboren sind, unseres Volkes und der
Heiligen Stadt Zerstörung sehen und dazu stille sitzen zu müssen
und die Feinde ihren Mutwillen treiben zu lassen!" 5
Bewaffnet euch mit dem Eifer Gottes, liebe Brüder, gürtet
eure Schwerter an eure Seiten, rüstet euch und seid Söhne
des Gewaltigen! Besser ist es, im Kampfe zu sterben, als unser Volk
und die Heiligen leiden zu sehen. Wer einen Eifer hat für das
Gesetz Gottes, der schließe sich uns an. Wir wollen unsern
Brüdern helfen. Ziehet aus, und der Herr wird mit euch sein.
Wendet die Waffen, mit denen ihr in sträflicher Weise Bruderblut
vergießt, gegen die Feinde des christlichen Namens und
Glaubens. Die Diebe, Räuber, Brandstifter und Mörder werden
das Reich Gottes nicht besitzen; erkauft euch mit wohlgefälligem
Gehorsam die Gnade Gottes, daß er euch eure Sünden, mit
denen ihr seinen Zorn erweckt habt, um solch frommer Werke und der
vereinigten Fürbitten der Heiligen willen schnell vergebe. Wir
aber erlassen durch die Barmherzigkeit Gottes und gestützt auf
die heiligen Apostel Petrus und Paulus allen gläubigen Christen,
die gegen die Heiden die Waffen nehmen und sich der Last dieses
Pilgerzuges unterziehen, alle die Strafen, welche die Kirche für
ihre Sünden über sie verhängt hat. Und wenn einer dort
in wahrer Buße fällt, so darf er fest glauben, daß
ihm Vergebung seiner Sünden und die Frucht ewigen Lebens zuteil
werden wird. Unterdessen aber betrachten wir diejenigen, welche im
Glaubenseifer jenen Kampf auf sich nehmen wollen, als Kinder des
wahren Gehorsams und stellen sie unter den Schutz der Kirche und der
heiligen Apostel Petrus und Paulus; sie sollen vor jeder Beunruhigung
ihres Eigentums oder ihrer Personen gesichert sein." -Der Herr
gab der Rede seines treuen Knechtes, der so kräftig predigte und
so herrlich war in der Verkündigung seines Wortes, solche Kraft
und Wirksamkeit, daß sie allerwärts den glücklichsten
Erfolg hatte. Es zeigte sich, daß das Werk von Gott angeregt
war; denn alt und jung folgte mit der größten Freude
diesem Aufgebot, so Schwieriges es auch verlangte. Und nicht nur die
persönlich Anwesenden hatten sich an dem Feuer seines Wortes für
den Zug begeistert; die Predigt ging in alle Welt hinaus und
entzündete auch die, welche sie nicht aus seinem Munde gehört
hatten, zu gleichen Entschlüssen. Da trennte sich der Mann von
dem Weibe und das Weib von dem Manne, der Vater vom Sohne, der Sohn
vom Vater; es war kein Band der Liebe, das diesem Eifer hätte
Nachteil bringen können, so daß viele Mönche aus
ihrem Kloster kamen und viele, die sich freiwillig um des Herrn
willen eingeschlossen hatten, aus ihrer Klausur. Doch hatte nicht bei
allen die Liebe zu Gott ihren Entschluß veranlaßt, und
nicht alle trieb die weise Überlegung dazu. Viele schlossen sich
bloß an, um ihre Freunde nicht zu verlassen, oder um nicht für
träge zu gelten, oder aus Leichtsinn, oder um ihrer Gläubiger,
denen sie schwer verschuldet waren, spotten zu können.
Verschieden waren also die Beweggründe, aber alles eilte herbei.
Niemand dachte im Abendland an Alter oder Geschlecht, Rang oder
Stand; niemand kehrte sich an Abreden, alles gab ohne Unterschied
sein Wort und gelobte einmütig mit Herz und Mund den Pilgerzug.
Der erste war der Herr Bischof Adhemar von Puy, ein Mann von
ehrwürdigen Lebenswandel, der nachher als Legat des
Apostolischen Stuhls dem Volke Gottes auf diesem Zuge mit ebensoviel
Treue als Umsicht Dienste leistete; sodann der Herr Bischof Wilhelm
von Orange, ein wahrhaft frommer und gottesfürchtiger Mann. Aber
auch von den Fürsten beider Reiche 6,
die nicht zugegen
gewesen waren, rüsteten sich viele zu der Reise und munterten
sich gegenseitig auf. Das Werk schien in der Tat von Gott geleitet zu
werden und die Aufforderung dazu ein Wort aus Gottes Munde zu sein.
Wo ein Fürst die Reise gelobt hatte, strömte das Volk
haufenweise zusammen, um sich seinem Gefolge anzuschließen. Es
hatten aber alle miteinander verabredet und auch der Herr Papst hatte
es ihnen geboten, daß die, die den Zug mitzumachen gelobten,
das segensreiche Zeichen des lebendigmachenden Kreuzes auf ihren
Kleidern trügen zur Erinnerung an das Leiden, dessen Stätte
sie besuchen wollten. Das Gebot des Herrn:,,Will mir jemand
nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich
und folge mir" 7, schien wörtlich in Erfüllung
zu gehen.
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Anmerkungen:
2 Zuletzt in die Hand des türkischen Stamms der Seldschuken.zurück 3 Ursprünglich Name eines Stammes im Nordosten Arabiens, der im Laufe der Zeit auf alle Araber überging; oft bezeichnete man damit die Mohammedaner überhaupt.zurück 4 Ps. 79, 1-5. Ein Psalm Asaphs: Klage wider die Zerstörer Jerusalems.zurück 5 1. Makk. 2,5-6.zurück 6 Des Römischen Reichs und des französischen Königreichs.zurück 7 Matth. 16, 54.zurück |