„Der edle Sarazene“


Der amerikanische Romanautor Tariq Ali und der Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing haben etwas gemeinsam.: Sultan Saladin. Nordwestlich von Bagdad, in Takrit, wurde Saladin 1138 geboren. Als Siebzehnjähriger kam er an den Hof des Sultans Nuraddin nach Damaskus, der aus der Familie der Zengiden stammte. Saladins militärische Karriere begann mit der Teilnahme an einem Feldzug nach Ägypten. Dort war gegen den Fatimidenkalifen ein Aufstand ausgebrochen. Nach der Niederschlagung des Aufstandes stieg der Befehlshaber der Truppen, Sirkuh, ein Onkel Saladins, unter den Fatimiden bis zum Wesir auf; als er starb, übernahm Saladin dieses Amt. 1171 stürzte er selbst den Fatimidenkalifen und herrschte als Statthalter Nuraddins in Ägypten.


Auf Nuraddin folgte 1174 dessen Sohn Ismail, den auch Saladin zunächst als neuen Sultan anerkannte. Doch bald darauf erklärte er seine Unabhängigkeit, unterwarf Syrien und Mesopotamien. Ein Friedenschluß mit den Zengiden sicherte seine neue Machtfülle.

Mit seinem Sieg über die Kreuzritter bei Hattin am 5. Juli 1187 rückte Saladin in das Bewußtsein des Abendlandes. Im Oktober desselben Jahres stürmten Saladins Truppen auch die Mauern der Heiligen Stadt Jerusalem; nach fast neunzig Jahren christlicher Herrschaft war Jerusalem wieder in der Hand der Muslime. Im Gegensatz zu den Christen schonte Saladin die Unterlegenen, was seinen Ruf als edler Herrscher begründete.




In Europa nahmen Kaiser Friedrich Barbarossa, der König von Frankreich, Philipp August und der König von England, Richard Löwenherz, das Kreuz, um Jerusalem für die Christenheit zurückzuerobern. Im Juli des Jahres 1191 fiel nach einer Belagerungszeit von drei Jahren die Hafenstadt Akkon in die Hand der Kreuzritter; die Einnahme Jerusalems konnte jedoch nicht erreicht werden. Aber auch Saladin gelang es nicht, die Kreuzfahrer aus Palästina zu vertreiben. So schloß er mit Richard Löwenherz am 2. November 1192 einen Friedensvertrag. Dieser erlaubte den christlichen Pilgern den ungehinderten Zugang zu den heiligen Stätten Jerusalems und gewährte den Kreuzrittern den Küstenstrich zwischen Jaffa und Tyros als Territorialbesitz.

Saladins Ritterlichkeit zeigte sich auch gegenüber seinem Gegner König Richard: Als dessen Schlachtroß im Kampf tödlich verwundet wurde, ließ Saladin zwei Araberhengste in das Lager Richards bringen.


Die Reiterei des Sultan Saladin

Doch das Reich des Sultans Saladin war nur von kurzem Bestand; bereits 1193 erlag er einer schweren Krankheit. „Der Tag, an dem er starb, war ein Tag, wie den Islam und die Muslime seit dem Verlust der rechtgeleiteten Kalifen noch kein gleicher getroffen hatte“, so berichtet ein Chronist.

Als Lessing 1779 in seinem Drama „Nathan der Weise“ Saladin als einen toleranten Herrscher charakterisierte, galt dieser bereits als der edle Sarazene. Vor allem die schriftlichen Zeugnisse geben Auskunft über die Person Saladins, denn die Nachwelt besitzt von ihm kein einziges authentisches Bild.

Simon Heßdörfer