Gott will es so!
Papst Urban II. (1088 - 1099) mußte die Kathedrale in Clermont verlassen, um von allen Teilnehmern der Synode gehört zu werden. Kein Gebäude der Auvergne konnte die 14 Erzbischöfe, 225 Bischöfe, 400 Äbte und die Unmasse des niederen Klerus und der Laien aufnehmen, also ergriff der Heilige Vater unter freiem Himmel am 27. November 1095 das Wort. In einer flammenden Rede beklagte er, daß sich die Prophezeiung König Davids erfüllt hätte: Gott, es sind Heiden in Dein Erbe gefallen; die haben Deinen heiligen Tempel verunreinigt. Herr, wie lange wirst Du zürnen und Deinen Eifer wie Feuer brennen lassen?[Ps. 79, 1-5] Anschließend rief er alle, die Eifer haben für das Gesetz Gottes dazu auf, die Stätten des heiligen Grabes in Jerusalem von den heidnischen Sarazenen zurückzuerobern. Gleichzeitig versprach er jedem Kriegsteilnehmer die Erlassung seiner Sündenstrafen und, sollte er im heiligen Kampf fallen, die Vergebung seiner Sünden und den unmittelbaren Eintritt ins himmlische Paradies.

Am
Schluß seiner Rede skandierten Volksmenge wie Kleriker
lautstark Gott will es so!
Dieser Aufruf des Papstes löste den bis dahin größten Feldzug des Abendlandes aus, welcher in sechs Kreuzzügen erst 1229 sein unrühmliches Ende fand.
1071 erringt der türkische Volksstamm der Seldschuken einen entscheidenden Sieg über den byzantinischen Kaiser Alexios Komnemos, danach erobern sie in schneller Folge Nizäa und Smyrna, Jerusalem (1076 von den Ägyptern) und Antiochia. Um der türkischen Gefahr zu widerstehen, bittet Alexios den Papst um militärischen Beistand. Das Papsttum, ohnehin geschwächt durch den Investiturstreit, sieht hier die Möglichkeit, seine schwindende Bedeutung wieder erstarken zu lassen und ergreift die Chance, als oberster Führer der Christenheit die seit 1054 gespaltene Kirche (katholisch - orthodox) mit Hilfe eines gemeinsamen Zieles wieder zu vereinen.
Eine große Anzahl von Rittern folgt dem synodalen Aufruf; unter ihnen befinden sich Gottfried von Bouillon, sein Bruder Balduin von Boulogne, Rainmund von Toulouse, der Normanne Bohemund und dessen Neffe Tankred.

Finanziert
wird der Feldzug von den Kreuzrittern selbst, Gottfried von Bouillon
verkauft zu diesem Zweck sein Schloß, Robert von der Normandie
verpfändet seinen Besitz. Die Kirche steuert durch den Verkauf
von Ablaßbriefen (Freikauf der Sünden durch Entgeld)
beträchtliche Summen bei.
Ab 1096 ziehen nach umfangreichen Vorbereitungen über 330 000 Ritter unter ihren Anführern Gottfried von Bouillon, Rainmund von Toulouse, Robert von der Normandie und Tankred in getrennten Marschzügen in das Heilige Land.
In Konstantinopel vereinigen sich die Kreuzfahrer, die den Landweg über den Balkan genommen hatten mit jenen, welche sich von Sizilien aus nach Griechenland eingeschifft hatten. Kaiser Alexios erkennt jedoch schnell, daß dieses zusammengewürfelte Heer seinem eigenen Staat sehr gefährlich werden konnte und vergibt sogleich Kampfaufträge gegen die Seldschuken, um sie von seiner Hauptstadt fernzuhalten. In harten und verlustreichen Kämpfen erobern die Kreuzritter zunächst Nizäa, Doryläon und Antiochia, dann wenden sie sich - gezeichnet von den Strapazen des Kriegsmarschs und der Kämpfe - nach Süden in Richtung Jerusalem. 1099 steht das Heer der Kreuzfahrer vor den Toren der Heiligen Stadt. Der erste Angriff findet im Pfeilhagel der Verteidiger ein jähes Ende und muß eingestellt werden. In Sichtweite von Zions Zinnen erholen sich die abendländischen Eroberer, konstruieren gigantische Belagerungsmaschinen und planen unter Gottfried von Bouillon sorgfältig die Belagerung. Nach Gottesdiensten und Passionen greifen die Ritter erneut an und es gelingt ihnen nach vierwöchiger Belagerung am 15. Juli 1099 eine Bresche in die Stadtmauer von Jerusalem zu schlagen und in die Stadt einzudringen.

Dort
richten die siegreichen christlichen Truppen unter der muslimischen
Bevölkerung ein furchtbares Blutbad an, noch heute kennt die
islamische Welt das Entsetzen über die Grausamkeit der Christen.
Nach der Eroberung Jerusalems soll Gottfried von Bouillon die Königswürde im neugegründeten Königreich Jerusalem übernehmen; er lehnt diesen Titel jedoch ab und nennt sich stattdessen Beschützer des Heiligen Grabes.
Auf der Suche nach persönlichem Ruhm und Macht trennen sich schon bald die Truppen einiger Heerführer vom Hauptteil der Kreuzfahrer, errichten plündernd bald eigene Herrschaftsbereiche in Antiochia und erobern sogar Gebiete des christlichen byzantinischen Kaisers.
Das Königreich Jerusalem bildete noch 30 Jahre lang ein einheitliches Reich, dem das zersplitterte islamische Reich nichts entgegenzusetzen hatte.
Diesem Kreuzzug sollten noch fünf weitere folgen, doch der Niedergang der Kreuzritter im Heiligen Land hatte bereits begonnen. [Augenzeugenberichte zur Eroberung Jerusalems]