Im Büßergewand vor Canossa
Als Heinrich
IV. am 25. Januar barfuß, im härenen Gewande des Büßers,
unter Tränen um Einlaß in die Burg von Canossa bat,
zögerte Gregor VII. Erst durch Bitten der anderen Anwesenden
gibt er nach, wie er selbst schreibt: (...) bis er alle
Anwesenden und alle, zu denen diese Kunde gelangte, zu solcher
Barmherzigkeit und zu solchem barmherzigen Mitleid bewog, daß
sich alle unter vielen Bitten und Tränen für ihn verwandten
und sich fürwahr über die ungewohnte Härte unserer
Gesinnung wunderten; einige aber klagten, in uns sie nicht die
Festigkeit apostolischer Strenge, sondern gewissermaßen die
Grausamkeit tyrannischer Wildheit. Schließlich wurden wir durch
seine ständige Zerknirschung und solches Bitten aller Anwesenden
besiegt.

Gregor
löste Heinrich IV. vom Anathem, dem Kirchenbann, gewährte
dem Büßer, der sich vor ihm niedergeworfen hatte, den
Friedenskuß und nahm ihn - mit der Feier der heiligen Messe -
wieder in die Gemeinschaft der Kirche auf. Damit war zumindest für
die nächste Zeit Ruhe im Streit um die Macht zwischen weltlicher
und geistlicher Autorität eingetreten.
Wer aber waren die beiden
Akteure, die sich gegenseitig das Recht als Stellvertreter Gottes auf
Erden streitig machten? Wer aber waren die beiden Akteure, die die
Grenzen ihrer Herrschaftsbereiche aufbrachen und damit die alte
Herrschaftsordnung, das Miteinander des Regnum mit dem Sacerdotium,
in Frage stellten?
Auf der einen Seite
stand Heinrich
IV. aus dem Geschlecht der Salier. Deo gratias
soll der Annalist von Niederaltaich gesagt haben, als der Thronfolger
endlich nach seinen drei Geschwistern 1050 geboren wurde. Schon drei
Jahre später ließ ihn sein Vater Heinrich III. in Tribur
zum König wählen. Damit war die Thronfolge gesichert. Aber
nur dem Anschein nach. Denn schon bei seiner Königswahl betonten
die Fürsten des Reiches, ihm nur zu folgen, wenn er sich als
gerechter Herrscher erweise. Dies aber sollte sich als eine
folgenreiche Bedingung zeigen.
1062 wurde der junge
König aus den Händen seiner regierenden Mutter, Kaiserin
Agnes, gerissen, deren politisches Ungeschick sie oftmals in
verfahrene Situationen mit den Reichsfürsten brachte. Im
Staatsstreich von Kaiserswerth entführte Erzbischof Anno von
Köln den König, als dieser zu einer Schiffsbesichtigung auf
der Rheininsel zugegen war. Anno erzog den König und übernahm
gleichzeitig die Regierungsgeschäfte. Doch schon bald verlor er
den Einfluß auf den König, bis dieser schließlich
1056 durch die Schwertleite mündig wurde und seine selbständige
Regierung antrat. Seine Regierungszeit war von nun an auf das Ziel
ausgerichtet, die während der Herrschaft seiner Mutter verlorene
Stellung des Königtums unter den Reichsfürsten aber auch
gegenüber der Kirche wieder auszubauen.
Heinrich war durch
seine Mutter und natürlich während der Zeit bei Erzbischof
Anno von Köln von tiefer und ehrlicher Religiosität
geprägt. Dies kommt auch durch den Bau des Doms zu Speyer zum
Ausdruck, an dessen Gestaltung er maßgeblich beteiligt war.
Darin war er seinem Gegenspieler gleich.
Denn auch Gregor VII. war ein von tiefer Frömmigkeit geprägter Mensch. Am 22. April 1073 wurde der Archidiakon Hildebrand - nachdem tags zuvor Papst Alexander II. verstorben war - vom Volk zum Papst ausgerufen. Er nannte sich fortan Gregor VII. Die Bestimmungen des Papstwahldekrets von Nikolaus II. von 1059 wurden dabei nicht beachtet. Doch die Art der Erhebung sagte nichts über die Gültigkeit der Wahl aus, sah man doch in der Entscheidung den Willen Gottes durch die Stimme des Volkes zum Ausdruck gebracht. Gregor stand in der Tradition des Reformpapsttums. 1047 begleitet er den abgesetzten Papst Gregor VI. nach Köln in die Verbannung und kehrt zwei Jahre später mit Leo IX. nach Rom zurück. Dort widmet er sich der Reform der Kirche und gewinnt immer mehr an Einfluß.
Der Dictatus Papae

Allerdings
war er weniger Denker als vielmehr radikaler Praktiker zur
Durchsetzung der Idee der Freiheit der Kirche, der libertas
ecclesiae. Seine Vorstellung von der Gewalt des Papsttums diktiert er
im Dictatus Papae, das er 1075 in das Briefregister eintragen läßt.
Darin erhebt er den Anspruch auf den unbedingten Gehorsam gegenüber
dem Papst, dem Stellvertreter Petri. Dies bezieht er aber nicht nur
auf den geistlichen sondern auch auf den weltlichen Bereich. Dazu
verleiht er dem Papst schon zu Lebzeiten Heiligkeit, weil die Größe
der Verdienste des heiligen Petrus auf ihn abstrahlt.
Über sein
Einwirken in den weltlichen Bereich äußert sich der Papst
im Dictatus
Papae an zwei Stellen: zum einen verleiht sich Gregor
VII. das Recht, Kaiser absetzen zu dürfen. Zum anderen behauptet
er, daß er die Untertanen ungerechter Herrscher von ihrem
Treueid entbinden könne. Da Gregor VII. wenig später
wirklich davon Gebrauch macht, geht man davon aus, daß das
Dictatus Papae als eine Art Regierungsprogramm zu sehen ist. Aber
zunächst zeigt sich Gregor VII. gegenüber Heinrich IV.
versöhnlich, da dieser verspricht, keine simonistischen
Verfehlungen - den Kauf und Verkauf von Kirchenämtern - mehr zu
begehen. Gregor geht sogar soweit, die römische Kirche dem König
zum Schutze anzuvertrauen, während er an der Spitze eines Heeres
gegen die Heiden im Heiligen Land zieht. Für Gregor ist im
Moment die Gültigkeit des Miteinanders von sacerdotium und
regnum in der Führung der Christenheit noch gar keine Frage.
Ein Konzil in Nürnberg wird einberufen, das sich verstärkt um den Kampf gegen Simonie und Priesterehe kümmern soll. Aber die Reform scheitert schließlich an den deutschen Bischöfen, die sich vom Papst nicht in solch gravierender Weise herumkommandieren lassen wollten. Sie fürchteten den Ausbau des päpstlichen Zentralismus.
Hielt sich Heinrich
IV. zunächst noch aus dem Streit heraus, rief er doch bald den
Zorn des Papstes durch sein eigenmächtiges Handeln hervor. 1075
erhob er in Mailand einen Angehörigen seiner Hofkapelle gegen
den Papstkandidaten zum Erzbischof. Wenig später ernannte er
auch noch für Spoleto und Fermo - diese Gebiete gehörtem
dem Kirchenstaat an - neue Bischöfe. Gregor VII. blieb nichts
anderes übrig als zu reagieren. In einem Schreiben an den König
fordert er diesen auf, seine Ernennungen sofort zurückzunehmen
und diese dem Papst zu überlassen. Gregor VII. bezieht sich
hierbei auf die Bestimmungen im Dictatus Papae, den unbedingten
Gehorsam gegenüber dem Papst. In einer geheimen, mündlich
übermittelten Botschaft droht er dem König mit der
Verhängung der Exkommunikation.
Die Antwort kam
bald. Im Januar 1076 beruft Heinrich VII. eine Reichsversammlung in
Worms ein, auf der das Reichsepiskopat zahlreich vertreten ist. Die
Aufkündigung des Gehorsams an den Papst ist das Ergebnis zweier
Initiativen, der bischöflichen und der königlichen. In
seinem Schreiben redet der König das geistliche Oberhaupt nicht
mehr als Papst an, sondern nur noch als Hildebrand, den falschen
Mönch. Dies begründet er mit der Erhebung Gregors zum
Papst. Wie es das Papstwahldekret vorsieht, hat auch der Kaiser bzw.
sein Sohn das Recht der Zustimmung. Hildebrand sei aber nur durch das
Volk zum Papst erhoben worden. Heinrich selbst bezeichnet sich als
christus domini, der Gesalbte des Herrn und fordert
schließlich Gregor-Hildebrand auf, von der cathedra petri
herabzusteigen.
Gregor
reagiert darauf mit der Umsetzung seiner in der Dictatus Papae
niedergeschriebenen Vorstellung der päpstlichen Macht. Mitte
Februar erhebt er in einem feierlichen Gebet an den heiligen Petrus
den Anspruch als Führer der Christenheit und setzt Heinrich als
König ab. Außerdem erlöst er alle Christen vom Eid,
den sie ihm geschworen hatten und verhängte über ihn den
Bann. Damit spaltete Gregor VII. das kirchliche und weltliche Lager
im Reich. Nur wenige Bischöfe sind weiterhin loyal zu Heinrich.
Ein geplantes Gerichtsverfahren über den Papst scheitert. Und es
kommt für Heinrich noch schlimmer. In Sachsen bricht ein
erneuter Aufstand aus, der den Plan einer Neuwahl des Königs
aufwirft. Schließlich verbünden sich die süddeutschen
Fürsten auch noch mit der sächsischen Opposition. Heinrichs
Lage wird immer aussichtsloser. Heinrich versucht zwar, sich durch
erneute Absetzung des Papstes des Problemes zu entledigen, doch wird
sehr schnell klar, daß die königliche Politik gescheitert
ist.
Die Gegenspieler Heinrichs setzen ihm schließlich ein Ultimatum. Sie werden Heinrich IV. nicht mehr als König anerkennen, sollte er bis zum Jahrestag seiner Exkommunikation nicht die Loslösung vom Kirchenbann erreicht haben. Im Februar 1077 wollten sie sich nach Augsburg zur Wahl eines neuen Königs einfinden. Zu diesem Termin hatten sie auch Gregor VII. eingeladen. Gregor nimmt die Einladung an und erteilt auch gleichzeitig dem Wunsch Heinrichs, zur Rekonziliation nach Rom kommen zu dürfen, eine Absage.
Heinrich sieht
keinen anderen Ausweg, als den Papst durch einen Italienzug vor
vollendete Tatsachen zu stellen. So kann er wenigsten die Vereinigung
des Papstes mit den deutschen Fürsten auf deutschem Boden
verhindern.
Gregor
VII. erreichte die Kunde des ankommenden königlichen Zuges. Aus
Furcht vor einer gewaltsamen Lösung zieht er sich in die Burg
Canossa zurück. Wer aber gehofft hatte, der Konflikt werde mit
Waffen ausgetragen, sah sich bald enttäuscht.
Am 25. Januar steht
Heinrich schließlich vor dem Tor Canossas. Der Zeitpunkt war
sicherlich nicht zufällig gewählt, feierte doch die Kirche
an diesem Tag die Conversio Pauli, die Bekehrung Saulus zum Paulus.
Heinrich wiederholt die Bußszene an den beiden darauffolgenden
Tagen bis Papst Gregor VII. ihn schließlich von seinem Bann
erlöst. Heinrich muß versprechen, sich wegen des
Konfliktes mit den Fürsten dem Urteil des Papstes zu
unterziehen.
Damit gab der König
den Anspruch auf, daß er als Gesalbter des Herrn keinem
irdischen Richter verantwortlich sei. Zwar zeigte Heinrich nun die in
der Buße ausgedrückte religöse Gesinnung des Königs,
andererseits aber hielt man ihm nun vor, sich um eines Vorteils
willen seine Politik geändert zu haben. Heinrich hatte seine
Königsherrschaft zurückgewonnen, dafür aber die
Führung der Christenheit endgültig an den Papst abgegeben.