DER KOMMENTAR
Geburt der Nationen
Es ist eine waffenklirrende Welt, Stahl auf Stahl, und die Schauplätze reichen von der Kanalküste und der Elbe über Norditalien bis Rom und Neapel. Es geht um Organisation und Kraft der Herrschaft und um den Wiederaufstieg des abendländischen Kaisertums. In der Vorstellung der Zeit gilt das Römische Reich als das letzte der Weltreiche, nach seinem Untergang würde der Antichrist die Macht ergreifen, der Tag des Jüngsten Gerichts anbrechen.
Es ist deshalb
lebensrettende Legitimität, daß die Herrschaft der Ottonen
und Salier die Kontinuität der römischen Reichsidee
vertritt. Darin liegt ein universeller Anspruch, aber die Reichweite
ist de facto begrenzt auf Deutschland, Reichsitalien und Burgund. Das
Papsttum wird durch die Kaiser aus der Kontrolle römischer
Feudal-Cliquen befreit, um sich schon nach wenigen Jahrzehnten gegen
Byzanz und ebenso gegen den Kaiser zu wenden.
Die Kirche sucht
geistliche Erneuerung. Vorbei das weitgespannte Reich der Karolinger;
vorbei der fränkische Vielvölker-Verbund. Die Ungarn kommen
nach ihrer Katastrophe in den Lechauen 955 zur Ruhe, und die
fränkischen Panzerreiter beherrschen die Schlachtfelder. Die
Aggressivität des Islam geht zurück, die plündernden
Normannen lassen nach in ihrer Wut.
Aber auch im Alltag der breiten bäuerlichen Schichten verändern sich die Regeln und die Bedingungen.
Es formen sich die großen europäischen Nationen nach Sprache, Kirchenorganisation, Recht und Herrschaft:
Viele Sprachgrenzen gelten bis heute.
Die Kämpfe des 11. Jahrhunderts verändern das Abendland und prägen seine Politik bis heute. Das Heilige Römische Reich überdauert mehr als acht Jahrhunderte - und wer wollte sagen, daß seine Wirkungen verloren sind?
Michael Stürmer